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Bienenfreundliche Landwirtschaft

Nur eine Landwirtschaft, die den Lebensanforderungen blütenbestäubender Insekten gerecht wird, kann auch dauerhaft produktiv sein. Die aktuelle Intensivlandwirtschaft zerstört dagegen die Insekten- und Artenvielfalt. Um auch in Zukunft gesunde Lebensmittel ernten zu können, müssen wir dringend auf eine vielfältigere, regional und ökologisch ausgerichtete Agrarproduktion umsteigen.

Die wahren Kosten der billigen Lebensmittel

Die gegenwärtig überwiegend praktizierte Form der Agrarwirtschaft ist von einem hochspezialisierten, industriellen Landbau geprägt. Deutschlands Agrarflächen, die mit 18,1 Millionen Hektar etwa die Hälfte der deutschen Gesamtfläche ausmachen, werden heute von weniger als 270.000 Betrieben bewirtschaftet. Das ist ein Trend, der sich durch die weiter zunehmende Industrialisierung und Globalisierung immer mehr verstetigt hat: Um 1950 gab es noch noch rund zwei Millionen Bauernhöfe in Deutschland, 1990 waren es noch knapp 630.000 Höfe.

Der Trend zeigt außerdem deutlich: Die landwirtschaftlich genutzten Flächen sind insgesamt angewachsen. Eine immer kleinere Anzahl von Großagrarbetrieben bewirtschaftet immer größere Äcker und Wiesen. Vor 60 Jahren war ein Hof im Schnitt 7,5 Hektar groß, heute sind es über 62 Hektar. Viele kleine und mittelgroße Familienbetriebe mussten dafür weichen. Diese Entwicklung einer am Weltmarkt ausgerichteten Großagrarindustrie hat zwar dazu geführt, dass billige Lebensmittel heute in einem nie dagewesenen Überangebot verfügbar sind. Zugleich hat sie aber ein Produktionssystem hervorgebracht, dass hochgradig unsozial und umweltschädlich ist und die natürlichen Gemeingüter wie sauberes Wasser, Bodenfruchtbarkeit und die Artenvielfalt zunehmend gefährdet.

Durch die Verdrängung kleinerer bäuerlicher Betriebe und die Entstehung großer, monotoner Anbauflächen sind auch die Habitate vieler solitärer Bienen, Hummeln, Feldvögel, Reptilien und Kleinsäuger verloren gegangen. Sie alle brauchen Hecken, Brachland, Tümpel und Gräben, in denen sie ungestört nisten können. Auch die einst artenreichen Wiesen werden durch die immer intensivere Bewirtschaftung zu Rasenflächen degradiert. Was ein blühender Lebensraum für eine Vielzahl von Amphibien, Spinnen, Heuschrecken und Schmetterlingen sein könnte, wird durch unangepasste Düngung und häufige Mahd in wenigen Jahren unwiederbringlich zerstört.

Warum schadet intensive Landwirtschaft den Bienen?

In intensiv bewirtschafteten Agrarflächen finden Bienen und andere Insekten kaum noch geeignete Lebensräume. Flurbereinigungen, einseitige Trachten, zu viele Mahten im Jahr und nicht zuletzt die chronische Belastung mit Pestiziden machen aus Äckern und Weiden lebensfeindliche Biotope für Insekten. Überall dort, wo Hecken, Feldraine und blütenreiche Böschungen verschwinden, gehen Lebensräume für zahlreiche Arten verloren. Herbizide (Pestizide gegen Unkräuter) vernichten auch wichtige Wildkräuter im Acker, die die Nahrungsgrundlage für viele nützliche Insekten sind. Insektizide (Pestizide gegen Insekten) töten längst nicht nur Schädlingsinsekten, sondern sind prinzipiell für alle Insekten giftig. Sogenannte Neonicotinoide – die in der Landwirtschaft am häufigsten eingesetzten Insektizide – greifen das Nervensystem der Insekten an und führen auch bei Bienen zu schwerwiegenden Gesundheitsschäden.

Der übermäßige Einsatz von Mineraldüngern trägt ebenfalls indirekt zum Insektenschwund bei. Böden und Gewässer werden dadurch immer nährstoffreicher. Das bevorteilt einige wenige stickstoffliebende Arten wie Gräser und Brennnesseln, führt aber zum Verlust von anderen wichtigen Pflanzenarten, die nur auf nährstoffarmen Böden gedeihen können. Mit ihnen verschwinden auch all jene Insektenarten, die sich an nährstoffarme Böden und Vegetationen angepasst haben.

Agrarpestizide: Treiber des Insektensterbens

Der industrielle Landbau wäre ohne den flächendeckenden Einsatz von Pestiziden nicht denkbar. Nur mithilfe von Insektiziden, Herbiziden und Fungiziden können Äcker bewirtschaftet werden, auf denen außer einer einzigen Nutzpflanze kein anderes Kraut mehr gedeiht. Laut des Bundesamts für Verbraucherschutz gelangten 2017 in Deutschland 115.095 Tonnen Pestizide mit insgesamt 277 verschiedenen Wirkstoffen auf die Felder. Diese gewaltigen Mengen zerstören die natürliche Fruchtbarkeit der Böden, vergiften Wasser und Luft, tragen zur Belastung der Lebensmittel bei und vermindern die Biodiversität in bedrohlichem Ausmaß.

Soziale Insekten wie die Honigbiene werden durch landwirtschaftliche Pestizide gleich in vielfacher Hinsicht geschädigt. Die Sammlerbienen nehmen die Giftstoffe über den Nektar und Pollen der Blüten auf und tragen etwa 90 Prozent davon zurück in den Bienenstock. Dort können die eingebrachten Giftstoffe das gesamte Volk einschließlich der Brut schädigen und sich auch im Honig und Wachs anreichern.

Das vom Bund geförderte Kooperationsprojekt „Deutsches BienenMonitoring“, in dem renommierte Forschungseinrichtungen von Bayern bis Mecklenburg-Vorpommern zusammenarbeiten, publizierte für das Jahr 2018 erschreckende Zahlen: Insgesamt enthielten die von den Bienen eingetragenen Pollen 90 verschiedene Pestizidwirkstoffe. 92,3 Prozent der erhobenen Proben waren belastet. Durchschnittlich fanden sich fast sechs verschiedene Wirkstoffe in einer Probe, maximal waren es 33 Wirkstoffe gleichzeitig.

Unter dem chronischen Einfluss von Nervengiften und anderen Wirkstoffen ist es den Bienen kaum noch möglich, die Versorgung ihres Volks zu gewährleisten. Überlebenswichtige Kommunikationsfähigkeiten wie der Schwänzeltanz, der Orientierungssinn in der Landschaft oder auch der Verdauungsapparat der Bienen werden durch die Gifte negativ beeinträchtigt. Das führt zwangsweise zu einem geschwächten Immunsystem und einer erhöhten Sterblichkeit bei den Bienen.

Wie sieht eine bienenfreundliche Landwirtschaft aus?

Immer drängender stellt sich heute die Frage nach einer anderen Art der Landwirtschaft, die sorgsamer mit den natürlichen Ressourcen umgeht. Mittlerweile gibt es zahlreiche Alternativkonzepte zur industriell steuerbaren landwirtschaftlichen Produktion, die sich unter dem Begriff der ökologischen Landwirtschaft subsumieren lassen. Gemein ist all diesen Ansätzen, dass sie das Tierwohl und die Schonung der Umwelt in den Vordergrund stellen.

Natürlich werden auch in der ökologischen Landwirtschaft Maschinen und andere Technik intelligent eingesetzt. Allerdings verzichten Biolandwirt*innen komplett auf Kunstdünger und Pestizide und setzen stattdessen auf Anbaumethoden, die sich den organischen Nährstoffkreislauf in der Natur zu Eigen machen und diesen aktiv fördern. Statt auf ganzjährige Monokulturen wird auf standortangepasste Fruchtfolgen gesetzt, statt mit chemischen Pestiziden gegen Unkräuter vorzugehen, wird wieder mechanisch gejätet. Boden, Pflanzen und Tiere werden nicht isoliert nach ökonomischen Input-Output-Kriterien bewertet, sondern in ihren systemischen Zusammenhängen als inhärente Teile eines sich selbst erhaltenden Ökosystems betrachtet.

In der biologischen Landwirtschaft blüht es sogar inmitten eines Getreidefeldes. Eine Untersaat aus verschiedenen Kleesorten, Leindotter und Gräsern unterstützt die Hauptfrucht Getreide. Diese Pflanzen mindern das Erosionsrisiko und den Wuchs von Unkraut, da sie den Boden räumlich wie zeitlich lückenlos bedecken. Vom Frühling über den Sommer bis in den Herbst tummeln sich die Blütenbestäuber auf diesen Feldern, saugen Nektar und finden reichlich Pollen für ihre Brut. Und die Vegetation ist in ihrer Vielfalt auch auf sie angewiesen. Auch hier ein Geben und Nehmen. Solche Felder und Landschaften sind nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch dauerhaft ertragreich. Sie bringen gute Erträge, sind zugleich resilienter gegen Umweltveränderungen und kommen mit schlechter Witterung und Dürreperioden besser zurecht.

Angesichts des Klimawandels ist das gleich in mehrfacher Hinsicht von großer Bedeutung. Ökologisch bewirtschaftete Böden sind in der Lage, deutlich mehr Wasser zu speichern, denn die Durchwurzelung reicht bis in tiefere Erdschichten. Die Erosion des Humus durch Wind und Starkregen ist entsprechend gering. Außerdem erzeugen die naturbelassenen Böden Humus, der pro Jahr und Hektar etwa 350 Kilogramm CO2 bindet. Und sie fördern die Biodiversität, die man mit gutem Recht als das Immunsystem unseres Planeten ansehen kann. Unter solchen Bedingungen fühlen sich auch die Bienen wieder wohl. Inmitten einer abwechslungsreichen Blütentracht ohne Nervengifte können sie ihre Abwehrkräfte wieder stärken.

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